Archive für Social Media

Skype bei IAMCR 13Vom 25. bis 29. Juni 2013 tagte die International Association for Media and Communication Research (IAMCR) in Dublin, Ireland. Mit ca. 1400 Teilnehmern aus vielen Ländern der Welt, vier Plenar-Sitzungen, 16 Sektionen mit jew. bis zu 16 Sessions und neun zusätzlichen Spezialsitzungen war eine bunte und spannende Woche zu erwarten. Entsprechend dem Titel stand die diesjährige Konferenz im Zeichen verschiedener gesellschaftlicher Bewegungen und Krisen, die nicht zuletzt unter dem Fokus Sozialer Medien diskutiert wurden.

Das Institut für Kommunikationswissenschaft Dresden war mit insgesamt drei Präsentationen in unterschiedlichen Bereichen vertreten. Dabei leisteten wir mit den Vorträgen von Rebecca Renatus und Claudia Seifert einen Beitrag zur methodischen Auseinandersetzung und mit dem Vortrag von Katrin Etzrodt (gemeinsam mit Ines Engelmann) einen Beitrag zur genderspezifischen Auseinandersetzung im digitalen Kontext.

Rebecca Renatus stellte die in Zusammenarbeit mit Susan Schenk, Jakob Ohme und Claudia Seifert entstandenen Reflexionen auf neue Herausforderungen in der Fernsehforschung und der heutigen digitalen Umgebung vor. Claudia Seifert beschäftigte sich mit dem Einfluss der Wirtschaftsnachrichten auf das Konsumverhalten und wie man hier durch eine Mikro-Perspektive Makro-Effekte erklären kann. Katrin Etzrodt stellte in Zusammenarbeit mit Ines Engelmann (der LMU München) die unterschiedliche Darstellungsweise von Politikerinnen und Politikern in der Online-Berichterstattung sowie deren mögliche Verursacher vor.

Neben methodischen Problemen und Herausforderungen für die westliche Welt im digitalen Zeitalter wurden v.a. hinsichtlich nicht-westlicher Länder diverse Probleme und Krisen besprochen. Nachfolgend soll eine kleine Auswahl dort diskutierter Themen deren Vielfalt demonstrieren.

Einige spannende Themen der Konferenz

Plenary No. 1: A Largely ‘Western’ Financial Crisis ? – Implications for Shifts in Geo-Political and Global Communication Orders

Besonders eindrucksvoll ist mir die erste Plenar-Sitzung in Erinnerung. Diese begann mit der Zuschaltung eines der Redner (Prof. Francis Nyamnjoh aus Kapstadt) via Skype, weil dieser nicht persönlich anwesend sein konnte. Während er die Situation in Südafrika beleuchtete, gingen seine nachfolgenden Redner auf China sowie den Iran und deren Beziehungen zur westlichen Welt ein. Dabei wurde besonders die Bedeutung im Bereich globaler Kommunikation v.a. via Internet und Social Media, welche als ‚soft power‘ deklariert wurde hervorgehoben. Alle Beiträge können auf dem IAMCRblog noch einmal angesehen werden.

China und Soft Power

Prof. Zhengrong Hu proklamierte in seiner Rede, dass neben den USA und der EU auch China einer Finanzkrise entgegen sieht. Dabei sprach er von einer „suspended or delayed crisis for China“. Lediglich die Hälfte der chinesischen Bevölkerung habe Zugriff auf das Internet, die meisten davon via Mobiltelefon. Obwohl der „Hard Power“ (wie z.B. die Marke „Made in China“ oder dessen Exportzahlen) gut ausgeprägt sei, gäbe es Defizite im „Soft Power“ (wie z.B. globale Kommunikation, intellektuelles Recht oder überhaupt mediale Macht). Prof. Hu proklamierte diesbezüglich eine Wert-Krise vor allem wenn es um Vertrauen und Glaubwürdigkeit der Regierungseinrichtungen ginge und sprach in diesem Zug von einer „low trust society“ – was in diesem Fall nicht unbedingt als etwas Negatives betrachtet weren müsse. Diese Entwicklung schreibt Prof. Hu in starkem Maße neuen Medien, wie Twitter u.ä. zu.

Iran und Soft War

Neben vielen interessanten und spannenden Beiträgen zu diesem Thema (auch in anderen Sessions) beeindruckte mich die Rede von Prof. Annabelle Sreberny, der ehemaligen IAMCR-Präsidentin und Chair of Global Media and Comms. at the School of Oriental and African Studies, besonders. Sie skizzierte die aufkommende Problematik des „Soft War“ im Cyberspace und sprach in diesem Zuge von einem ‚Cyberwarfare‘. Anhand verschiedener Beispiele, wie PRISM, Telephonabhöraktionen im internationalen Ausmaß, Obamas Cyber-Operation-Policy, MTI (Master The Internet) oder dem steigenden Einsatz von Computer-Viren wie „Stuxnet“ oder „Flame“ durch Regierungen, illustrierte sie einen – wie sie ihn nannte – aufkommenden „Cyber Military Industrienation Complex“. Sreberny stellte diesbezüglich drei aktuelle Schwerpunkte heraus: (1) Sie proklamierte einen Fokuswechsel von bisher externen Feinden zu internen Feinden bzw. die externe Bedrohung wird um eine „interne Bedrohung“ erweitert. Dabei warf sie die Frage nach den beteiligten Akteuren auf. Darüber hinaus forderte sie die Wissenschaft auf (2) die Entstehung des dargestellten „Cyber Military Industrienation Complex“ sowie (3) die damit zusammenhängenden Krisen zu identifizieren, zu problematisieren und zu erforschen.

Neben linguistischen Problemen, die durch das Auftauchen einer ‚Taxonomy of Cyberterms‘ gekennzeichnet seien, müsse auch entschieden werden wie in ethischer, moralischer aber auch politischer Hinsicht mit den neu entstehenden Cyber-Problemen umgegangen werden solle. Fragen um Privatsphäre und Sicherheit spielten dabei eine wichtige Rolle. Srebernys Rat an die Wissenschaft lautet: „Hard and soft power have to work together to make smart power, otherwise neither are very intelligent“.

Weitere spannende Themen

Über alle angebotenen Sessions hinweg wurden landesübergreifende Probleme wie Partizipation im Netz, Digital Divide, Privatsphäre und Nutzungsweisen, Auswirkungen und Wahrnehmungen sozialer Medien beleuchtet. Nachfolgend skizziere ich einige willkürlich ausgewählte spannende Beiträge.

Digital Divide

Digital DivideJaemin Jung, Youngju Kim, Eunju Lee und Yongkuk Chung aus Korea konnten zeigen, dass es auch im Digitalen zu eingeschränkten Medienrepertoires kommt. Sie führten dies am Beispiel der App-Nutzung auf Smartphones vor, indem sie zeigten, dass von den rund 100 Applikationen, die man auf diesem Gerät im Durchschnitt besitzt, lediglich 10 bis 20 wirklich genutzt werden. Wobei v.a. Kommunikation, Social Media, News und Unterhaltung (in dieser Reihenfolge) wichtig sind. Nachrichten werden dabei in Korea nicht von lediglich einer Quelle (wie z.B. einer Nachrichtenseite) abgerufen, sondern die meistgenutzte Nachrichtenapp ist eine eher kleine – von keinem großen Konzern vermarketete App – die viele einzelne Nachrichtenseiten zusammenführt und gebündelt darstellt. Die Grenze des Digital Divide verläuft so gesehen nicht mehr nur zwischen Gerätebesitzern und Nicht-Besitzern (was auch in anderen Sitzungen zu diesem Thema diskutiert wurde), sondern in der Nutzung dieser Geräte selbst. D.h. in der Zusammenstellung des eigenen Medienrepertoires und dessen Nutzung sowie der Kenntnis zusammenführender Apps, wie der vorgestellten Nachrichtenapp.

Privatsphäre

Zum Thema Privatsphäre zeigte Toshie Takahashi für japanische Nutzer sozialer Onlinenetzwerke auf, dass diese je nach Funktionalität verschiedene – in jedem Fall jedoch mehr als ein – soziales Onlinenetzwerk präferieren und oft vergessen, dass nicht nur die engen Freunde Posts oder Tweets lesen können. Im Gegensatz zu anderen Ländern besteht hier auch eine starke Affinität zu reiner Bildkommunikation (z.B. über den Dienst „Line“).

Yi-Hsuan Lin zeigte am Beispiel taiwanesischer Nutzer, dass ein höheres Maß an Privatsphärebedenken zwar zur stärkeren Nutzung der Privatsphäreeinstellungen führen kann, wahrgenommene Vorteile jedoch nicht zur extensiveren Preisgabe privater Daten führen.

Rob Heyman, Paulien Coppens, Jo Pierson (Bridging the privacy paradox between awareness and behaviour: a survey inquiring in users self-reported and actual practices of Facebook applications) bemühten das Beispiel von „Trueman“, um die Wichtigkeit des Bewusstseins (Awareness) über Kontexte in denen Informationen herausgegeben oder erlangt werden noch vor die Kontrolle (Control) und den Schutz (Resistance) der Privatsphäre zu stellen. Dementgegen warf Chika Anyanwu die Frage danach auf, wer bzw. was eigentlich von Gesetzen beschütz werden soll. Dabei stellte er heraus, dass es hier in erster Linie um Informationen – teilw. über Personen – bzw. Interaktionen ginge, nicht jedoch um die Personen selbst. Das widerrum habe Auswirkungen auf den Entwurf entsprechender Gesetze in diesem Bereich.

Frauen und Medien

Nicht zu vergessen, in digitalen Gesellschaften ist die Rolle der Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Mitstreitern.

Ines Engelmann und Katrin Etzrodt stellten für Deutschland und deren Berichterstattung über Politikerinnen und Politiker eine noch immer nachweisbare Stereotypisierung fest. Diese wird v.a. durch JournalistInnen im Bereich der Themen- und Attribut-Agenden deutlich, während PolitikerInnen für eine wertende Stereotypisierung verantwortlich sind.

Im Vergleich zu anderen, in der Session dargestellten, Problemen wie Zwangsprostitution in den USA und deren Framing durch Barbara Ann Barnett oder der von Ibrahim Saleh aufgezeigten medialen Ignoranz der Rolle der Frauen in der ägyptischen Revolution, wurden unterschiedliche Ebenen und Entwicklungsstufen verschiedener Länder im Emanzipationsprozess noch einmal deutlich.

 

Mein Dank gilt außerdem der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e.V., die meine Reise finanziell unterstützt haben.

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