Archive für Öffentlichkeit

privatBevor ich beginne, über Privatheit in sozialen Medien zu sprechen, möchte ich zunächst eine kleine historische Rückschau der Trennungsgeschichte von Privatheit und Öffentlichkeit geben. Ich werde zeigen, dass einige Prozesse im Internet nur die logische Konsequenz eines viel länger andauernden erneuten Einwanderns des Privaten ins Öffentliche darstellen.

Eine kleine Geschichte der Privatheit

Folgt man Philippe Ariès existiert die Trennung von Öffentlichem und Privatem noch nicht sehr lange, sondern entwickelte sich parallel zur Industrialisierung. So hatten die Trennung von Arbeits- und Freizeitleben, die Ausbildung funktionaler Räume (Wohn-, Schlaf-, Badezimmer etc.) im Wohnumfeld sowie der verstärkte Rückzug in die eigene Familie bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Privaten.

‚Tyrannei der Intimität‘ oder ‚Voraussetzung für Freiheit‘?

Edenton-North-Carolina-women-Tea-boycott-1775Richard Sennett konnotiert die Entwicklung von Privatheit jedoch eher negativ als positiv in seinem 1986 erstmals erschienen Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens„. Die im Untertitel beschriebene „Tyrannei der Intimität“ und der „Verfall des öffentlichen Lebens“, beginnen für ihn – wie auch für Ariès – im 18. Jahrhundert. Philipp Hölzing beschreibt Sennetts dystopische Diagnose zutreffend: „Die damit einhergehende ausschließliche Fokussierung auf die eigene Person und die eigenen Gefühle führe zu einer Tyrannei der Intimität, die den kühlen, distanzierten und zivilisierten öffentlichen Umgang miteinander zerstöre“. Eine Gegenposition stellt – so Hölzing weiter – beispielsweise die von Beate Rössler dar. Denn anders als Sennett unterstreicht sie die eigene Kontrolle über einen privaten Raum als substantielle Voraussetzung von Freiheit und Autonomie. Und diese Freiheit könne nur durch die symbolische Unterscheidung in privat und öffentlich entstehen (vgl. Philipp Hölzing). Sennett und Rössler berühren also zwei wesentliche Punkte: Zum einen die Notwendigkeit eines öffentlichen Raumes, der so beschaffen ist, dass er offene bzw. öffentliche Diskurse überhaupt ermöglicht.  Zum anderen die Notwendigkeit eines (privaten, geschützten) Freiheitsraumes, in dem individuelle Meinungen entwickelt und geäußert werden können. Könnte man also sagen, dass die individuelle Freiheit auf Kosten des öffentlichen gesellschaftlichen Diskurses erreicht wurde?

Das Private kehrt ins Öffentliche zurück

Dass  Privatheit und Öffentlichkeit nicht sehr lange voneinander lassen konnten, ist bei Kurt Imhof nachzulesen. Er zeigt das stetige Eindringen des Privaten in den öffentlichen Raum seit den 1950er Jahren in seinem Text „Tyrannei der Intimität?“ auf.  Dabei stellt er die Rolle medialer Entwicklungen, wie der Parteizeitung, dem Regionalradio und den Boulevardmedien, aber auch Themenkarrieren wie die vom Tod heraus. Das kann er nur, weil er Privatheit „als Ausdruck [einer] nur privilegiert zugänglichen Innerlichkeit betrachte[t]: die Expression von Gefühlen, Eindrücken, Affekten und Assoziationen“, die der „Herstellung oder Aufrechterhaltung von Vertrautheitsbeziehungen, also von Gemeinschaftlichkeit“ dient und gewöhnlich in “privaten” Situationen stattfindet (Imhof 1999: 40). Öffentlich ist dann alles, was allgemein zugänglich ist. Nach diesem Verständnis kann man das Private somit auch im Öffentlichen finden.

Todesanzeige_Eduard_Salomon_(1890)In Form von Todesanzeigen wurde „das Private öffentlich, und der Tod ist auch das Einfallstor für die beispiellose Karriere des Privaten im Öffentlichen nach der Ära der Parteizeitungen und des Integrationsrundfunks. Zunächst findet das Morbide in der Boulevardzeitung sein eigentliches Medium“ (ebd.: 43). Tiefe Gefühle wie Abscheu, Angst und Entsetzen werden v.a. in den 1950er Jahren öffentlich kund getan. Diese öffentliche Privatheit jedoch emanzipiert sich schnell vom Ausdruck morbider Empfindungen und greift in den sechziger und siebziger Jahren über Prominentenjournalismus und Lebenshilfeserien auch in andere emotionale Bereiche ein. Über die „achtundsechziger-Bewegung wird programmatisch das Private politisch und beansprucht damit erstmals gesamtgesellschaftliche Geltung. In dieser vielleicht revolutionärsten Innovation der Protestbewegungen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre wird die Sprengung der “bürgerlichen Intimsphäre” zum Königsweg der Befreiung von der Entfremdung im bürgerlichen Kapitalismus“ (ebd.: 44). Sexualität und Liebe werden zum Thema des öffentlichen Diskurses.

Das lokale Radio, so Imhof weiter, erzeugte dann durch seine Beteiligungssendungen eine Imagination von Gemeinschaft in der Gesellschaft – eben jene öffentliche Privatheit – durch Meinungen oder Erfahrungs- und Schicksalsberichte mit dem Ziel der emotionalen Bindung der Hörergemeinde.

Entblößte Privatheit

Also nicht erst seit dem Aufkommen des Internet löst sich die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit auf. Warum aber empören uns die neueren Entwicklungen trotzdem? Wenn es um den Verlust von Privatsphäre im Netz geht, hört es sich oft so an, als ob öffentliche Privatheit eine Neuerfindung der digitalen Welt sei. Behandeln wir unsere virtuellen Räume wie unsere privaten Räume? Und fühlt sich daher das Eindringen in diese an, als schaue jemand in unser Wohn- oder – schlimmer noch – unser Schlafzimmer?

Das Privatheitsparadox des digitalen Raums als logische Weiterentwicklung 

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Das soeben beschriebene Gefühl einer entblößten Privatheit, speist sich m. E. aus zwei paradox zueinander stehenden Entwicklungen, die durch digitale  – und nicht zuletzt vernetzte – Medien unterstützt werden. Zum einen bieten diese Medien viele Möglichkeiten, Intim- und Privatsphäre auszuleben und zu steigern. Telefonate, Chats und andere Kommunikationen zwischen zwei oder wenigen Personen werden durch viele verschiedene Angebote ermöglicht. Diese Konversationen finden (theoretisch) in einem vor der Öffentlichkeit geschützten Raum statt und ermöglichen das, was Rössler freie Meinungsäußerung nennt. Das Sprengen zeitlicher und örtlicher Grenzen durch diese Programme erzeugt immer kürzer werdende Intervalle der Austauschmöglichkeiten. Nun kann man nicht nur öfter diese Art von Austausch führen, sondern auch deutlich besser Personen finden, mit denen man diese Intimsphäre teilen mag. Zudem findet solcher Austausch häufig in physisch privaten Räumen – wie dem eigenen Heim – statt. Das dürfte das Gefühl der Intimität nochmals erhöhen. Auch Personalisierungsentwicklungen im technologischen Bereich blenden mehr und mehr die Wahrnehmung des teils öffentlichen Handelns aus. Durch diese Entwicklungen findet also eine Verstärkung der empfundenen Privatsphäre statt, die wiederum ein stärkeres Bedürfnis nach eben jener Privatheit erzeugt.

Gleichzeitig werden wir jedoch mit unseren privaten Meinungsäußerungen und Lebensgeschichten öffentlicher. Angebote wie Facebook oder andere soziale Online-Netzwerke verleiten uns, vormals ‚intime‘ Details wie politische Meinung, Liebesbeziehungen oder andere Dinge, die uns gefallen, abstoßen oder begeistern, einer mehr oder weniger großen Öffentlichkeit preiszugeben. Auch Blogs –  veröffentlichte Gedanken- und Tagebücher – können als Katalysatoren dieser Entwicklung angesehen werden. Indem wir nicht nur eigene private Inhalte veröffentlichen, sondern auch die der anderen tagtäglich lesen, gewöhnen wir uns an die Preisgabe privater Inhalte. Ebenso wie wir uns an deren Preisgabe im lokalen Radio oder in Boulevardzeitungen gewöhnten, nur heute in einem deutlich intimeren Maß. Auch die Hürden der Veröffentlichung sind deutlich gesunken: Der Sprung vom Chat zur Pinnwand ist nicht sehr weit …

Das dadurch entstehende Paradox eines gesteigerten Privatheitgefühls – ohne zeitliche und örtliche Begrenzung – einerseits und der gleichzeitig ungenierten Veröffentlichung dieser privaten Inhalte, kennzeichnet die öffentliche Privatheit im digitalen Zeitalter.