Archive für Aufmerksamkeit

Eine der Aufgaben dieser Woche war es ein konnektivistisches Experiment durchzuführen, indem man per Zufallsauswahl (entweder anhand der anonymen Ansprache der eigenen Netz-Gemeinde zum Thema eines zufälligen Wikipedia-Artikels oder durch die gezielte Ansprache eines #sooc13-Twitterers inkl. einer offenen Frage nach dessen Fähigkeiten) versuchen sollte das eigene  bzw. das #sooc13-Netzwerk zu aktivieren.

Warum es hätte funktionieren können …

Twitter und seine Weak Ties bieten eine gute Ausgangslage: Um mit Mark Granovetter  zu sprechen: Wir haben es bei Twitter hauptsächlich mit Weak Ties zu tun, deren Potential vor allem in der Reichweite liegt, die im besten Fall durch einige Strong Ties verknüpft sind. „Intuitively speaking, this means that whatever is to be diffused can reach a larger number of people, and travers greater social distance (i.e., path lenght), when passed through weak ties rather than strong“ (Granovetter 1973: 1366). D.h. wenn ich Hilfe suche oder Neues erfahren oder auch weitergeben möchte, sind Weak Ties die bessere Wahl.

Warum es nicht so richtig funktionierte (bis jetzt) …

(1) Die Einschränkung der Zusammensetzung des Netzwerks: Ich bin mir nicht sicher, ob Konnektivismus in Twitter auf die im Experiment vorgeschlagene Weise funktioniert bzw. erfahrbar ist. Weak Ties zeichnen sich nun dadurch aus, dass die verbundenen Personen deutlich weniger Eigenschaften miteinander teilen als in ’strong ties‘. Das muss jedoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass man gar keine Eigenschaften teilt. Meine These wäre, dass  Follower in der Regel aus Personen bestehen, die sich zumindest für einige die eigenen Inhalte interessieren (siehe auch EMILY K. VRAGA). In meinem Fall besteht das Netzwerk aus Kommunikationswissenschaftlern, Informatikern, ein paar Freunden (strong ties), neuerdings auch Pädagogen sowie einigen Personen, die ich nicht kenne oder zuordnen kann. Alle Themen, die also an diese Bereiche anknüpfen oder auch alltägliche Lebensbelange berühren, sollten hier zu einem Ergebnis führen. Ein zufälliges Thema – v.a. wenn es an gar nichts im Netzwerk anknüpfen kann – hat hier einfach schlechtere Chancen. Nichtzuletzt ist Twitter auch nicht das einzige Netzwerk. Evtl. hätten bei diesem Experiment z.B. Quora, Academia oder ResearchGate bessere Ergebnisse erzielt, da hier die Frage- und Antwortkultur deutlich stärker ausgeprägt ist, während ich bei Twitter den Eindruck habe, dass es sich eher um ein Publikations- und damit Informationsmedium statt ein Diskussionsforum handelt.

Bildschirmfoto 2013-05-17 um 09.31.30(2) Die Einschränkung der Anzahl der Netzwerkteilnehmer: Folgt man Granovetter weiter bestehen unsere Netzwerke aus einem Mix von Weak und Strong Ties (siehe Grafik,  Granovetter 1973: 1365). Manchmal gibt es nur ein oder zwei Verbindungen zu einem größeren Netzwerk, das wiederrum aus diesem Mix besteht. Die Wahrscheinlichkeit jemanden zu erreichen, der sich auch mit einem ‚abtrünnigen Thema‘ wie z.B. „Gönpawa Wangchug Gyeltshe“ beschäftigt, sollte sich mit steigender Größe des eigenen Netzwerks ebenfalls erhöhen. Ein kleines Netzwerk müsste folglich spezifischere Anfragen stellen, um erfolgreich zu sein.

(3) Die Einschränkung der ‚anonymen‘ bzw. ‚unbestimmten‘ Ansprache: Die Aktivierung des Netzwerks geschieht durch die Herstellung von Aufmerksamkeit. In einer Welt, die sich u.a. durch Informationsflut auszeichnet, nicht unbedingt eine leichte Sache. Nun können wir es bei Twitter m.E. mit verschiedenen Arten der Aufmerksamkeit seitens der Netzwerkteilnehmer zu tun haben:

  • Unwillkürliche Aufmerksamkeit: Push- oder E-Mail-Benachrichtigungen über neue Tweets meines Netzwerk
  • Willkürliche Aufmerksamkeit: gezieltes Suchen über Hashtags oder Personensuche (z.B. #sooc13 oder @sooc2013)
  • Daueraufmerksamkeit: längerfristiges Verfolgen des #sooc13-Streams
  • Verteilte Aufmerksamkeit: wenn ich gleichzeitig den Text über „Lernen 2.0“ lese und die Twitterkonversation auf #sooc13 verfolge

Begreift man Aufmerksamkeit als Selektionsfunktion der Bewusstseinstätigkeit muss also eine bestimmte Schwelle überschritten werden, um überhaupt eine Reaktion hervorzurufen. Auch wenn es sich im Nachfolgenden um eine Nachrichtentheorie handelt, finde ich die Beachtung der dort erwähnten Faktoren auch für unser Experiment sinnvoll. Im Besonderen beziehe ich mich auf die kulturunabhängigen Nachrichtenfaktoren von Galtung und Ruge:

  • Frequenz: Je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zur Nachricht.
  • Schwellenfaktor: die Auffälligkeit, die ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird.
  • Eindeutigkeit: Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist, desto eher wird es zur Nachricht.
  • Bedeutsamkeit: Je größer die Tragweite eines Ereignisses, je mehr es persönliche Betroffenheit auslöst, desto eher wird es zur Nachricht.
  • Konsonanz: Je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht.
  • Überraschung: hat die größte Chance, zur Nachricht zu werden, allerdings nur dann, wenn es im Rahmen der Erwartungen überrascht.
  • Kontinuität: Ein Ereignis, das bereits als Nachricht definiert ist, hat eine hohe Chance, von den Medien auch weiterhin beachtet zu werden.
  • Variation: Der Schwellenwert für die Beachtung eines Ereignisses ist niedriger, wenn es zur Ausbalancierung und Variation des gesamten Nachrichtenbildes beiträgt.

Ich möchte hier nur einmal beispielhaft Bedeutsamkeit als Faktor, der erklären könnte warum die anonyme bzw. unspezifische Ansprache nicht funktionierte, näher betrachten: Ich beantworte doch eine Frage nur, wenn sie in irgendeiner Weise für mich relevant ist. Sofern mich das Thema nicht interessiert (z.B. bei der unspezifischen Ansprache) oder ich den Sinn in der Offenlegung meiner Fähigkeiten nicht sehe (z.B. bei der unspezif. Abfrage meines Könnens – das außerdem i.d.R. deutlich komplexer als 140 Zeichen ist), werde ich auch nicht aktiv. (Es sei denn ich bin eine extrovertierte Persönlichkeit oder Teilnehmer des #sooc13 ;))

Ähnlich kann man dies für die anderen Faktoren durchspielen.

Es sind m.E. also folgende Fragen an den Verlauf des Experiments zu stellen:

  1. Welche thematischen/Interessenfoki besitzen die Netzwerke der Probanden? Welche Motive verfolgt das Netzwerk durch seine Partizipation in Twitter? Für welche konnektiven Aktivitäten eignet sich Twitter eigentlich?
  2. Wie groß sind die Netzwerke der Teilnehmer?
  3. Welche Form der Aufmerksamkeit kann die im Experiment vorgeschlagene Art des Tweets (inkl. Inhalt) herstellen? Welche Faktoren wurden bei der Aufgabenstellung nicht beachtet?